10 SEKUNDEN


Regie: Nicolai Rohde
Darsteller: Wolfram Koch; Marie Bäumer

100 Minuten | ab 12
2500. Woche
Manchmal reicht ein Moment der Unaufmerksamkeit, Menschen aus der Bahn zu werfen und ihr Leben eines Sinnes zu berauben. Da rasen zwei leuchtende Punkte auf dem dunklen Display im Tower aufeinander, verschmelzen zu einem, man zählt 83 Todesopfer. Markus Hofer ist Fluglotse und hat zehn Sekunden nicht aufgepasst, zwei Flugzeuge zerschellen im Wald. Bäume brennen, zwischen den Wracks rennen schreiende und weinende Menschen umher, die ihre Verwandten oder Freunde suchen oder das, was von ihnen übrig geblieben ist. Ein Jahr später: Die Hofers kehren aus dem Urlaub zurück, die Ehefrau kann die Selbstvorwürfe ihres Gatten nicht mehr ertragen und sucht seit langem Trost bei einem Liebhaber. Ein Mann, der bei dem Unglück Frau und Kind verlor und immer mehr in Trauer versinkt, fährt nach Leipzig, um dem Schuldigen die gerechte Strafe zukommen zu lassen und lernt zufällig ein junges Mädchen kennen, mit dem er durch die Nacht zieht. Ein verheiratete Polizist wird von den Bildern des Absturzes verfolgt und erkennt in der Stadt einen der Betroffenen wieder, den Rächer. Kunstvoll lässt Nicolai Rohde die verschiedenen Wege derer sich kreuzen, die vergebens versuchen, ihr Leben wieder in die eigene Hand zu nehmen und neu an zu fangen, dabei immer wieder an den Dämonen der Vergangenheit scheitern. Ausgangspunkt war die Kollision zweier Flugzeuge 2002 über dem Bodensee und die Selbstjustiz eines Russen, der seine Liebsten verloren hatte und zwei Jahre später den verantwortlichen Lotsen der Flugsicherung erstach. Die Handlung wurde nach Leipzig verlegt. Durch die Fokussierung auf drei Figuren gelingt es, die emotionalen Verflechtungen herauszuarbeiten, die Traumata, unter denen die Einzelnen leiden, ihre Ausweglosigkeit, die im persönlichen Desaster und Mord enden. Nur dauert es etwas zu lange, die verschachtelten Episoden und durcheinander gewürfelten Zeitebenen zu durchschauen, die Personen zuzuordnen. Wer den Inhalt nicht kennt, tut sich im ersten Drittel schwer, dem Verlauf zu folgen und damit auch die tragische Dimension in ihrer ganzen Tragweite zu erfassen. Die eher elliptische und nicht chronologisch-lineare Erzählweise erschwert das Verständnis. Hat man sich jedoch einmal an diese ambitionierte Herangehensweise gewöhnt, berühren die bewusst bruchstückhaft gelassenen individuellen Entwicklungen, die in Verzweiflung und Grenzsituationen münden, in Zerstörung und Selbstzerstörung.


ab 01.01.1970


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