127 HOURS
Filme im Original!


Regie: Danny Boyle
Darsteller: James Franco; Amber Tamblyn; Kate Mara

89 Minuten | ab 12
2491. Woche
Danny Boyles erster Film seit seinem Oscar-Triumph Slumdog Millionär erzählt in einer erneuten Explosion aus Bewegung, Farben und Bildern von einer erschütternden Grenzerfahrung. Im April 2003 war der Extremsportler Aron Ralston losgezogen, um im Alleingang den Blue John Canyon in Colorado zu bezwingen. Beim Klettern rutschte er auf einem losen Fels aus und stürzte in eine Spalte, wo sein rechter Unterarm von dem Fels eingequetscht wurde. 127 Stunden steckte er fest. Mit Hilfe eines stumpfen Taschenmessers gelang es ihm am fünften Tag seiner einsamen Gefangenschaft, den Arm abzutrennen und sich zu retten. Der Stoff ist wie geschaffen für Danny Boyle, wie The Beach, 28 Days Later oder Sunshine erzählt er eine Geschichte, in der der Held in einer extremen Situation gezwungen ist, sein tiefstes Inneres zu konfrontieren - es geht um den einen Moment der absoluten Klarheit, in dem Nebensächliches ausgeblendet und sich der wahre Charakter offenbart. Schon vor Beginn der Dreharbeiten hatte Boyle angekündigt, die Geschichte als Actionfilm, in dem sich der Held nicht bewegen kann umzusetzen. Er hat sein Versprechen gehalten: Obwohl es sich weitgehend zwangsweise um eine One-Man-Show von James Franco in der Rolle Ralstons handelt, ist 127 Hours nicht weniger eine regelrechte Explosion an Bildern und Farben, wie es bereits Slumdog Millionär gewesen war. Was letztendlich auf eine impressionistische Studie der Tortur Ralstons hinausläuft, realisiert Boyle als rastlosen Wettlauf mit der Zeit, in dem die Digitalkameras seiner Mitstreiter Anthony Dod Mantle und Enrique Chediak keine Sekunde ruhig halten. In einem rasenden Intro wird Ralston bei seinen Vorbereitungen für den Ausflug gezeigt, wie er seine Sachen packt, zunächst mit dem Jeep und schließlich dem Mountainbike in die Einsamkeit der Canyons von Utah fährt. Schnell ist Ralston als positiver Irrer charakterisiert, voller Energie, immer in Bewegung, immer hyperaktiv - was letztlich der Grund ist, warum er sein Martyrium überleben kann. Er trifft zwei attraktive Hikerinnen, gespielt von Kate Mara und Amber Tamblyn, zeigt ihnen den unkonventionellen Weg in einen See in einer Höhle. Und zieht dann alleine weiter, wo ihm sein folgenschweres Missgeschick passiert. Das Energielevel der rasanten Anfangsszenen, die oft so viele visuelle Informationen bereithalten, dass der Film sich förmlich in mehrfache Splitscreens aufteilt, hält Boyle nun auch in den Szenen in der Felsspalte, die die Hauptfigur zusätzlich selbst mit Hilfe einer Videokamera dokumentiert und kommentiert. Minuziös zeichnet der Film Ralstons Rettungsversuche auf, beschreibt seinen Kampf mit Hunger, Durst und Kälte, seine zunehmende Desorientierung, die sich in Visionen und Erinnerungen ausdrückt. Schließlich kommt es zu der Szene, die in Telluride und Toronto mehrere Menschen im Publikum ohnmächtig werden ließ: Die entscheidenden Momente auf dem Weg zur Freiheit inszeniert Boyle, ohne die Kameras von dem blutigen Geschehen abzuwenden: Jede durchtrennte Sehne, jeder abgeschnittene Nerv geht dem Zuschauer an die Nieren - ohne jemals die Grenze des Zumutbaren zu überschreiten: Zu diesem Zeitpunkt ist der Akt der Selbstamputation der letzte Ausweg aus einer ausweglosen Situation, das hat der Film zuvor überdeutlich klar gemacht. Entsprechend ist es ein ekstatischer Moment, als Ralson endlich der Enge des Canyons entfliehen kann, ein Triumph, der das Publikum im Kontext dieses überbordenden und doch so sensiblen Films in ein Hochgefühl versetzt, als wäre man selbst dabei gewesen. James Franco ist überragend in einer Rolle, in der er über weite Strecken nur sein Gesicht einsetzen kann. Sein Spiel ist einnehmend und frei von den Manierismen, die sich bei ihm gerne einschleichen. Er kann sich auch auf einen Regisseur verlassen, der auf der Höhe seines Könnens arbeitet und definiert, wie aufregend, mitreißend und intelligent modernes Mainstreamkino sein kann.


ab 01.01.1970


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